Eine kurze Geschichte des Instituts für Medizingeschichte der Charité Berlin

Das Institut für Geschichte der Medizin wurde 1930 als zentrales Landesinstitut gegründet. Erster Leiter war der Medizinhistoriker Paul Diepgen. Das Institut ist eine der ältesten Einrichtungen der Medizingeschichtsforschung.

Text: Florian Bruns (2014), Mitarbeit: Udo Schagen

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Vorgeschichte

Seit Gründung der Berliner Universität im Jahr 1810 werden an der Medizinischen Fakultät Lehrveranstaltungen zur Geschichte der Medizin angeboten. Auf Vorschlag Christoph Wilhelm Hufelands erhielt der bereits seit 1822 als außerordentlicher Professor für Medizingeschichte tätige Justus Friedrich Hecker 1834 das neugeschaffene Ordinariat für "Geschichte der Medicin und der Encyklopädie und Methodologie der medicinischen Wissenschaften". Insgesamt waren im 19. Jahrhundert nicht weniger als 26 Professoren und Dozenten in die medizinhistorische Lehre involviert.

Zwischen 1894 und 1930 blieb der Lehrstuhl unbesetzt. In dieser Zeit versuchten interessierte Ärzte und Wissenschaftler neben ihrer ärztlich-praktischen Tätigkeit, den Unterricht aufrecht zu erhalten. Dazu gehörte etwa der Berliner Armenarzt Julius Leopold Pagel, der über mehrere Jahre ein nicht etatmäßiges Extraordinariat innehatte. Im Zuge einer mitunter recht einseitigen Ausrichtung der Medizin auf die Methoden der Naturwissenschaft – Werner von Siemens hatte 1886 auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte das "naturwissenschaftliche Zeitalter" ausgerufen – rückten historische und philosophische Aspekte der Heilkunde gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Hintergrund. Doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine gewisse Gegenbewegung ein, von der auch die Medizingeschichtsschreibung profitierte. 1906 in Leipzig und 1914 in Wien wurden medizinhistorische Institute gegründet, die in der Folgezeit eine erstaunliche Breitenwirkung mit weltweiter Ausstrahlung entfalteten. In Deutschland beeinflusste insbesondere der Direktor des Leipziger Instituts, Karl Sudhoff, die weitere personelle und institutionelle Entwicklung des Faches, indem er Schüler ausbildete und an geeigneter Stelle für sein Arbeitsgebiet zu werben verstand.

Gründung des Berliner Instituts für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften

In den 1920er Jahren empfand das Preußische Kultusministerium unter Leitung des Orientalisten Carl Heinrich Becker angesichts der florierenden Institute in Wien und Leipzig das Fehlen einer vergleichbaren Einrichtung auf preußischem Boden zunehmend als Mangel. Becker war daran gelegen, die konservativ-hierarchisch geprägte Medizinerausbildung im Rahmen einer ihm vorschwebenden Demokratisierung der Hochschulen progressiver zu gestalten. Eine geisteswissenschaftlich orientierte Disziplin schien ihm hierfür am ehesten geeignet zu sein. Zugleich reagierte er positiv auf vielfältige Bestrebungen, die Wissenschaftsgeschichte in Deutschland, das damals in vielen Wissenschaftszweigen zur Weltspitze gehörte, stärker zu institutionalisieren. Relativ früh stand daher fest, das entsprechende Forschungsinstitut zum einen in der Reichshauptstadt Berlin anzusiedeln, es zum anderen aber nicht nur auf die Geschichte der Medizin, sondern auch auf die der Naturwissenschaften auszurichten.

Einem Netzwerk von Gelehrten aus dem noch recht jungen Bereich der Wissenschafts- bzw. Disziplinengeschichte, zuvorderst Karl Sudhoff, gelang es, das Thema politisch auf der Tagesordnung zu halten. Hatte bereits 1924 der Berliner Chirurg August Bier bei Kultusminister Becker die Wiederbesetzung des Berliner Lehrstuhls für Geschichte der Medizin angeregt, so schrieb ein Jahr später auch Sudhoff an den Minister und beklagte, "daß in Berlin die historische Forschung unseres Faches so völlig fehlt […]". Immerhin konnte man bereits auf eine seit 1901 existierende Fachgesellschaft und eine eigene Fachzeitschrift verweisen, was Sudhoffs Bemühungen erleichterte, ausgehend von Leipzig die "Virulenz" des Fachgebietes stetig zu erhöhen. 1927 war in mehreren Räumen des Berliner Stadtschlosses bereits ein Institut für Geschichte der Naturwissenschaften eingerichtet worden. Zum Leiter wurde Julius Ferdinand Ruska bestellt, der zuvor einen Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften im Orient an der Universität Heidelberg innegehabt hatte.

Im August 1929, nur Wochen vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, beantragte Kultusminister Becker beim Preußischen Finanzministerium die Summe von 166.000 Reichsmark für die Bildung eines Instituts für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften sowie für den Aufbau der zugehörigen Bibliothek. Im Antrag erwähnte Becker die Klagen medizinischer Fachvertreter, dass angehende Mediziner jegliche Kenntnisse über die Geschichte ihrer Wissenschaft vermissen ließen und damit die allgemeine Bildung der Ärzte immer mehr sinke. Als Institutsdirektor und Lehrstuhlinhaber einigte sich die Fakultät nicht auf den von Becker und den meisten Gutachtern favorisierten Henry Ernest Sigerist, der seit 1925 Sudhoffs Nachfolger in Leipzig war, sondern auf den für Medizingeschichte habilitierten Freiburger Gynäkologen Paul Diepgen (1878-1966). Dieser trat am 1. April 1930 sein Amt an.

Insgesamt 22 Räume wurden in den folgenden Monaten in einem Gebäude in der Universitätsstraße 3b für die neue Forschungsstätte hergerichtet. Angesichts der inzwischen deutlich spürbaren Wirtschaftskrise konnten nicht alle ursprünglichen Planungen umgesetzt werden. Dennoch war die finanzielle und personelle Ausstattung ungewöhnlich gut. Mit dem Direktor, zwei Abteilungsvorstehern, vier Assistenten, zwei Sekretärinnen, einer Bibliothekarin und einem technischen Gehilfen gehörte das Institut fortan zu den weltweit größten seiner Art. Der Umstand, dass es als zentrales Landesinstitut nicht der Universität, sondern unmittelbar dem Reichs- und Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung unterstellt war, wirkte sich auch in einer Bevorzugung bei der Mittelzuweisung aus. 1931 wurde Ruskas Institut für Geschichte der Naturwissenschaften räumlich und personell in das Gesamtinstitut integriert. Hinzu trat eine kleine pharmaziehistorische Abteilung.

Medizingeschichte im Nationalsozialismus

Der erste Standort des Instituts in der Universitässtraße 3b

Die Nationalsozialisten sahen in der Medizingeschichte eine willkommene Gelegenheit, ihre Ideologie innerhalb der Medizin noch stärker wirksam werden zu lassen. Zugleich instrumentalisierten sie das Fach, um ihre rassistische Gesundheitspolitik als historisch legitimiert erscheinen zu lassen. Medizinhistoriker wie Diepgen erkannten wiederum recht schnell das Potenzial, das sich angesichts dieser Absichten für ihr Fach bot. In vielen seiner Publikationen nahm Diepgen positiven Bezug auf das nationalsozialistische System, unter anderem in seinem 1938 erschienenen Lehrbuch "Die Heilkunde und der ärztliche Beruf". Daneben versuchte er, sein Fach als politisch nützlich darzustellen, etwa bei der Entwicklung einer spezifisch nationalsozialistischen Medizinethik. 1939 wurde die Geschichte der Medizin reichsweit zum Pflichtfach im Medizinstudium erhoben.

Diepgens Verhalten zwischen 1933 und 1945 war jedoch vielschichtig. Als 1933 zwei als "nicht-arisch" klassifizierte Assistenten, Ludwig Edelstein und Paul Kraus, das Institut verlassen mussten, setzte Diepgen sich für sie ein und bat darum, sie weiter beschäftigen zu dürfen, was jedoch abgelehnt wurde. Jüdischen Doktoranden ermöglichte er, ihre Doktorarbeiten fertigzustellen, was seinerzeit nicht selbstverständlich war. Auch trat Diepgen nicht der NSDAP bei. Andererseits habilitierte er während des Krieges zwei SS-Ärzte an seinem Institut, die den Auftrag hatten, eine partei- und SS-nahe Medizingeschichtsschreibung aufzubauen. Im geplanten Neubau des Universitätsklinikums im Westen Berlins hatte sich Diepgen dank guter Beziehungen zu Hitlers Begleitarzt Karl Brandt umfangreiche Räumlichkeiten sichern können. In der Zusammenschau kann Diepgen demnach weder als ein überzeugter Nationalsozialist noch als ein Verfolgter des NS-Regimes gelten, auch wenn er Letzteres nach dem Krieg mehrfach für sich reklamierte.

Nachkriegszeit und Teilung

Charité-Neubau (Hochhaus) von 1982 mit alten Kliniken rechts und links
Charité-Hochhaus von 1982

Nach Ende des Krieges, in dem das Institut in der Universitätsstraße erheblich beschädigt aber nicht zerstört worden war, bemühte sich Diepgen, sein Lebenswerk zu retten und die Lehr- und Forschungsinhalte den neuen Gegebenheiten anzupassen.

"Im kommenden Semester gedenke ich eine Einführung in das Studium der Medizin zu lesen, die der neuen Lage Rechnung trägt, und eine Seminarübung über die wissenschaftliche Leistung bedeutender russischer Mediziner abzuhalten", schrieb er im Juni 1945.

Doch eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Diepgen und der sowjetischen Besatzungsmacht kam nicht zustande. 1947 folgte Diepgen seiner wichtigsten Mitarbeiterin Edith Heischkel-Artelt nach Mainz und etablierte an der dortigen Universität ein neues Zentrum der Medizingeschichte. Für sein ehemaliges, im sowjetischen Sektor Berlins befindliches Institut folgte ein zwölfjähriges Interregnum. Mehrere Kandidaten aus der Bundesrepublik, meist ehemalige Diepgen-Schüler, lehnten den ihnen angebotenen traditionsreichen Lehrstuhl an der seit 1949 nach Alexander und Wilhelm von Humboldt benannten Universität ab. Erst 1959 gelang mit der Berufung des Psychiaters Alexander Mette (1897-1985) die Wiederbesetzung. Immerhin konnten bereits 1956 große Teile der Bibliothek, die 1944 nach Pommern ausgelagert worden war, um sie vor Luftangriffen zu bewahren, zurück nach Berlin geholt werden.

Nach 1963: zwei medizinhistorische Institute

Das 1963 an der Freien Universität gegründete Institut für Geschichte der Medizin ging auf eine Empfehlung des westdeutschen Wissenschaftsrates zurück, wonach an jeder medizinischen Fakultät Lehrstühle für Medizingeschichte einzurichten seien. Dabei ging es um eine Öffnung des Medizinstudiums in Richtung der Geisteswissenschaften – eine Entwicklung die in den 1970er Jahren durch Integration weiterer Fächer (Medizinische Soziologie und Psychologie) fortgesetzt wurde. 

Erster Direktor und Lehrstuhlinhaber in West-Berlin war Heinz Goerke (*1917). Das Institut war in einer Villa in der Augustastraße 37 in Berlin-Lichterfelde untergebracht. 1967 trat Gerhard Baader (*1928) als Assistent in das Institut ein. In den 1980er Jahren machte Baader die Medizin im Nationalsozialismus zu einem der Forschungsschwerpunkte des Instituts. Noch heute ist er hier wissenschaftlich aktiv. Nach Goerkes Weggang nach München übernahm Richard Toellner (*1930) die Institutsleitung, bis er 1974 einem Ruf nach Münster folgte.

In Ost-Berlin folgte 1965 auf Alexander Mette der Sozialhygieniker Dietrich Tutzke (1920-1999) als Institutsdirektor und Professor für Allgemeine Medizingeschichte. Im gleichen Jahr war außerdem ein eigener Lehrstuhl für medizinische Zeitgeschichte eingerichtet worden. Sein Inhaber, Gerhard Misgeld (1913-1991), übernahm im Wechsel mit Tutzke zeitweilig auch die Leitung des Instituts. Dessen 50jähriges Bestehen wurde 1980 mit einem Festkolloquium im Senatssaal der Universität Unter den Linden gefeiert. 1985 wurde Georg Harig (1935-1989) neuer Institutsdirektor. Harig widmete sich insbesondere der Erforschung der antiken Medizin, sodass neben der Sozialgeschichte der Medizin ein weiterer Arbeitsschwerpunkt entstand. Nach Harigs frühem Tod trat im Februar 1990 der Gynäkologe Peter Schneck (*1936) dessen Nachfolge an. Schneck wurde aus Greifswald berufen, war jedoch bereits Anfang der 1980er Jahre am Berliner Institut als Assistent tätig gewesen. Einige Monate nach Schnecks Amtsantritt verließ das Institut nach 60 Jahren seine angestammten Räumlichkeiten in der Universitätsstraße und bezog auf der anderen Spreeseite einen Gebäudetrakt der ehemaligen Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße. Die Planungen für diesen Umzug hatten bereits 1983 begonnen. 1992 folgte auch die Bibliothek, inzwischen teilweise als Zweigbibliothek Wissenschaftsgeschichte firmierend. In den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung musste das Institut erhebliche Personalkürzungen hinnehmen. Als Schneck 2002 in den Ruhestand versetzt wurde, war die Berliner Mauer bereits seit zwölf Jahren Geschichte und die Fusion der medizinischen Fachbereiche von Freier Universität und Humboldt-Universität auf den Weg gebracht worden. Erste grenzüberschreitende Kontakte zwischen den beiden Instituten hatte es bereits in den 1980er Jahren gegeben.

Medizingeschichte im Charité-Centrum für Human- und Gesundheitswissenschaften

Eingang der Thielallee, Dahlem
Eingang zum jetzigen Institutsgebäude in Dahlem

In diesem Prozess entstand nach der politischen "Wende" in der DDR auch das Charité-Centrum für Human- und Gesundheitswissenschaften, unter dessen Dach auch die beiden medizinhistorischen Institute einen Platz fanden. Zu den Gründungsvätern des CC1 gehörte der Direktor des West-Berliner Instituts für Geschichte der Medizin, Rolf Winau (1937-2006). Winau war ein Schüler Edith Heischkel-Artelts und 1976 aus Mainz an die Freie Universität berufen worden. Zu seinen Arbeitsgebieten gehörte unter anderem die Geschichte von Biologismus und Nationalsozialismus.

Unter Winaus Ägide zog das Institut Ende der 1980er Jahre in ein größeres Gebäude mit eigenem Anbau für die Bibliothek in die Lichterfelder Klingsorstraße 119. Dort wurde 1986 auch eine mit eigenem Etat und Personal versehene Forschungsstelle Zeitgeschichte unter Leitung von Udo Schagen (*1939) etabliert. Neben Winaus Lehrstuhl existierten zeitweise Professuren für Keilschriftmedizin in Sumer/Assyrien (Franz Köcher, 1917-2002), für Medizin in Osteuropa (Heinz-Müller-Dietz, 1923–1998), für Geschichte der Pharmazie (Guido Jüttner, *1939) sowie für Medizingeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zahnheilkunde (Johanna Bleker, *1940). Als Direktor des Charité-Centrums 1 übergab Winau 2001 das Direktorat des Instituts an Johanna Bleker, die es bis 2004 inne hatte. Ähnlich wie im Institut in der Ziegelstraße kam es auch hier im Laufe der Zeit zu erheblichen Stellenstreichungen. Rolf Winau starb kurz nach seiner Emeritierung im Jahr 2006.  

Nach Aufgabe des Standorts Klingsorstraße wurden die Institute räumlich in der Ziegelstraße zusammengefasst. Die Bibliothek des Ost-Berliner Instituts war verwaltungstechnisch bereits 1973 der Universitätsbibliothek zugeordnet worden (Zweigbibliothek Wissenschaftsgeschichte). Die Bestände befinden sich heute im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Die Bibliothek aus der Klingsorstraße wurde vorübergehend im Bettenhochhaus am Campus Mitte aufgestellt.

Im Herbst 2013 konnte das Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, seit 2004 unter Leitung von Volker Hess, ein neues Domizil in der Thielallee 71 in Dahlem beziehen, wo sich nun alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Bücher des ehemaligen West-Berliner Instituts unter einem Dach befinden.

Weitere Infos

Ausführlichere Informationen und Hintergründe enthält die Publikation "Medizingeschichte in Berlin. Institutionen – Personen – Perspektiven" (Berlin 2014), herausgegeben von Florian Bruns.