Museumskunde 1929 (1), S. 24.; Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Kuc7-3-1-46; Robert René Kuczynski, The Balance of Births and Deaths, Bd. 1, New York 1928, S. 39.

Shaping Demographies

Der Statistiker, Ökonom und Demograph Robert René Kuczynski in Deutschland, den USA und Großbritannien (1890er bis 1950er Jahre)

    • an der Schnittstelle zwischen Wissenschaftsgeschichte und Biographik
    • (trans-)nationale Ausformungsprozesse der Demographien
    •  multidisziplinäre Verankerungen und Institutionalisierungsversuche, Konkurrenzen und Kooperationen, Prognosen, Expertisen und Politik

       

       

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      Symposium "Globale Krisen - globale Utopien: Robert René Kuczynski" 30.11.2017

      Der Ökonom, Statistiker und Demograph Robert René Kuczynski (1876-1947) - Skizzen zu Leben und Werk eines „bürgerlichen Radikalen“ anlässlich seines 70. Todestages

      Vorträge mit Podiumsdiskussion am 30. November 2017 um 18 Uhr im Kleinen Säulensaal der Zentralen Landesbibliothek Berlin, Breite Str. 36, 10178 Berlin - Programm


      Das Projekt Shaping Demographies

      Ziel des Projektes ist es, die Herausbildung der demographies über die Auseinandersetzung mit Robert René Kuczynskis bevölkerungswissenschaftlichem Denken und Wirken unter Verbindung lokaler, regionaler, nationaler und transnationaler bzw. globaler Analyseebenen zu verstehen.

      Der aus einer jüdischen Bankiersfamilie in Berlin stammende Robert René Kuczynski befasste sich als Ökonom und Statistiker früh mit Bevölkerungsfragen, unter anderem im Rahmen seiner Arbeit als Städtestatistiker. Er machte das Modell der Nettoreproduktionsrate (NRR), das eng an die amtliche vitalstatistische Erfassung gekoppelt war, international bekannt. Mit der Prognose eines ‚Aussterbens der weißen Völker‘ stand er nicht allein und gab mit der NRR in nationalen wie internationalen Foren wichtige Impulse in methodischen, theoretischen und politischen Diskussionen über demographische Entwicklungen. Durch das Nachvollziehen von Kuczynskis beruflichem Werdegang werden unterschiedliche Denktraditionen, Konkurrenzverhältnisse und Verdrängungsprozesse auf nationalen wie internationalen Ebenen sichtbar. Trotz langjähriger beruflicher Tätigkeit in den USA ging er nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 nicht dorthin, sondern nach England, wo er Anstellung an der London School of Economics fand. Für kurze Zeit wurde er Reader in Demography, bevor er sich der Demographie des britischen Kolonialreiches zuwandte.

      Methodisch wird auf das Instrumentarium eines akteurszentrierten Ansatzes im Zusammenspiel mit Aspekten des jeux d´échelles und der histoire croisée zurückgegriffen. Neben der ideengeschichtlichen Entwicklung stehen Fragen der persönlichen wie institutionellen Ressourcen bei der Herausbildung der demographies im Fokus. Der Analysezeitraum umfasst die gesamte berufliche Laufbahn Kuczynskis, wird jedoch in zwei Teilprojekten bearbeitet. Diese sind inhaltlich aufeinander bezogen und werden in enger Kooperation erarbeitet. Zentraler Quellenbestand ist der in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin aufbewahrte Kuczynski-Nachlass, weitere Materialien kommen aus Archiven in Deutschland, Großbritannien, den USA, Paris, Genf und Rom.

      Project description

      The aim of the project is to understand the emergence of demographies by discussing Robert René Kuczynski’s demographic thought and work while considering local, regional, (trans-)national and global levels of analysis.

      Robert René Kuczynski, descendent of a Jewish family of bankers in Berlin, was an economist and statistician who approached population matters early in his career, among others in his function as municipal statistician. He was responsible for making the model of Net reproduction rate (NRR) internationally known, which was closely linked to official vital-statistics. He was not alone with his prognosis of a ‘decline of the white race’ and, with the NRR, gave important impulses to national and international forums during methodological, theoretical and political discussions on demographic developments. Studying Kuczynski’s professional career makes visible various styles of reasoning, competitive relationships and processes of displacement on a national as well as an international level. Despite working in the USA for many years, he chose not to go there after his escape from Nazi-Germany in 1933, but decided to go to England where he found employment at the London School of Economics. He became Reader in Demography for a little while before turning to the demography of the British colonial empire.

      Methodologically, we will utilize instruments of an agent-centered approach in conjunction with aspects of the jeux d´échelles and the histoire croisée. Besides dealing with the evolution of the history of ideas, we focus on issues of personal and institutional resources during the emergence of demographies. The analyzed period of time encompasses Kuczynski‘s entire professional career but is processed in two (seperate) sub-projects. Both are interrelated and will be analysed in close cooperation. The central stock of sources are the Kuczynski Papers that can be found in the Berlin Zentral- und Landesbibliothek as well as further material from archives in Germany, GB, USA, Paris, Geneva and Rome.

      Teilprojekt A: „Wege zum internationalen Bevölkerungsexperten. Robert René Kuczynski als wandering scholar zwischen Deutschland und den USA, 1890-1927“ (Arbeitstitel)

      1. „Schulterschluss“ von Sozialer Frage und Bevölkerungsfrage. Akademische Sozialisation und Lehrjahre Kuczynskis in Deutschland und den USA
      2. Der Städtestatistiker Kuczynski – Die Entstehung der NRR und der bürgerliche Radikale
      3.  „Ein Bruder im Geiste“? Walter F. Willcox – Mittler zwischen demographisch-statistischen Forschungsfeldern Europas und der USA
      4. Bevölkerungsstatistik = Demographie? ,Wettlauf‘ der Prognosen in nationalen Landschaften und transnationalen Foren vor der ersten Weltbevölkerungskonferenz 1927
      5. Kuczynski an der Brookings Institution – vom Finanz- zum Bevölkerungsexperten

      Teilprojekt B: „Der globale Blick. Robert René Kuczynski in der Formierungsphase der demographies nach der ersten Weltbevölkerungskonferenz 1927“ (Arbeitstitel)

      1. Als Ökonom zwischen Biologen. Kuczynski auf der ersten Weltbevölkerungskonferenz 1927 und seine Rolle in den IUSIPP-Nationalkomitees Deutschlands und der USA
      2. „Am Ende eines Weges“? Kuczynskis Versuche der Institutionalisierung demographischer Forschung in den USA vor 1933
      3. „Endlich angekommen?“. Erster Reader in Demography und exilpolitische Aktivitäten in Großbritannien
      4. Völkerbund, ISI, IUSIPP. Kuczynskis (Nicht-)Bedeutung in der internationalen Bevölkerungsforschung nach 1933
      5. Globale Demographie oder Kolonialstatistik? Kuczynskis Arbeiten für das Colonial Office
      6. Robert René Kuczynski – „outstanding in his generation“. Eine ambivalente Wirkungsgeschichte im Schatten des Kalten Krieges

      Vita Robert René Kuczynski (1876-1947) / Biographical data

      Robert René Kuczinski (Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Kuc9-AN1-79)

      1876: Geboren in Berlin / born in Berlin
      Studium der Ökonomie u. Rechtswissenschaft in Freiburg, München, Straßburg / studies of economics and law in Freiburg, Munich and Strasbourg

      1897: Doktor rer. pol. (Universität München) unter Lujo Brentano u. Walter Lotz, „Der Zug nach der Stadt. Beiträge zur Frage der Bevölkerungsbewegung in Stadt und Land“ / Ph.D. at the University of Munich under the supervision of Lujo Brentano and Walter Lotz; thesis on interior migration and  „The movement towards the city“

      1898-1900: Volontär am Berliner Statistischen Amt (unter Richard Böckh) / trainee at the Statistical Office in Berlin (under Richard Boeckh)

      1900-01: Member of Division of Methods and Results im US Census Bureau (unter Walter F. Willcox) / employment at the US Census Bureau as Member of Division of Methods and Results (under Walter F. Willcox)

      1901-04: Forschung für US Department of Labor (in den USA und in Europa) / research for the US Department of Labor (in the USA and in Europe)

      Okt. 1903: Heirat mit Berta Gradenwitz; Sechs Kinder / marriage with Berta Gradenwitz; six children

      1904-05: Leiter des Statistischen Amtes Elberfeld / head of the Statistical Office in Elberfeld

      1906-21: Leiter des Statistischen Amtes Schöneberg; Arbeiten zur Wohnungspolitik u. Städtebau; Mitarbeit im Propaganda-Ausschuß für Groß-Berlin; Mitgliedschaften im Verein für Socialpolitik, Deutscher Städtetag u. Deutsche Statistische Gesellschaft / head of the Statistical Office in Schöneberg; work on urban planning; active member of the Movement for the Creation of „Greater Berlin“; member of the Verein für Socialpolitik, Deutscher Städtetag and the German Statistical Association

      1911-20: Dozent der Volkswirtschaftslehre, Handelshochschule Berlin / lecturer in political economy at the Handelshochschule Berlin

      Erster Weltkrieg: Arbeit für Reichswirtschaftsamt zur Ernährungssituation (Mitarbeit in Elzbacher-Kommission); Vorbereitung ökonomischer Argumente für die Friedensverhandlungen (wirtschaftliche Schäden durch britische Seeblockade) / expert on nutrition for the war administration; preparation of documents for the Versailles Peace Conference (economic consequences of the British embargo)

      1919: Gründung Finanzpolitische Korrespondenz (ab 1923 mit Deutsch-Französischer Wirtschaftskorrespondenz); Mitarbeiter der II. Sozialisierungskommission / creation of the Finanzpolitische Korrespondenz (from 1923 with a special issue on German and French economy); Member of the second Commission for Socialization

      1920: führendes Mitglied der Liga für Menschenrechte; Reisen nach Frankreich; Teilnahme an internationalen pazifistischen Kongressen / leading member of the Human Rights League; trips to France; participation in international pacifist congresses

      1921: Schriftleitung der Vierteljahreshefte Deutscher Städte / editor of the Vierteljahreshefte Deutscher Städte (a journal of German cities)

      1923-26: Forschungs- und Vortragsaufenthalte in Deutschland u. den USA / research and lecturing in Germany and the USA

      1926: Organisator des Ausschusses für einen Volksentscheid über die entschädigungslose Fürstenenteignung / head of a committee for the organization of a Referendum on the expropriation of the German princes

      1926-32: Council member u. Staff member der Brookings Institution, Institute of Economics; halbjährliche Aufenthalte in den USA; Finanzwissenschaftliche Arbeiten / council and staff member of the Brookings Institution, Institute of Economics; spends every half-year in the USA; work on questions of international finance

      1927: Mitglied der dt. Delegation zum 10-jährigen Jubiläum der UdSSR / member of the German delegation for the 10th anniversary of the Soviet Union / Erster Weltbevölkerungskongress in Genf; Mitglied der deutschen und der US-amerikanischen Delegation / First World Population Conference in Geneva; member of the German and the US-American delegation

      1928-31: Vorträge in Harvard, University of Chicago, University of Cincinnati u.a.; Gründungsmitglied der Population Association of America / Lectures at Harvard, University of Chicago, University of Cincinnati and others; founding member of the Population Association of America

      1933: Flucht aus Deutschland über Tschechoslowakei, Genf, Nordfrankreich / flees Germany through Czechoslovakia, Geneva and Northern France

      1933-37: Research Fellow an der London School of Economics im Department of Social Biology (unter Lancelot Hogben) / Research Fellow at the London School of Economics, Department of Social Biology (under Lancelot Hogben)

      1934: Zusammenarbeit mit der statistischen Abteilung des Völkerbundes / contribution to the statistical work of the League of Nations

      1936: Gründungsmitglied des Population Investigation Committee (GB) / founding member of the Population Investigation Committee (GB)

      1937: Teilnahme am Weltbevölkerungskongress in Paris / participant of the World Population Conference in Paris

      1938-41: Reader in Demography an der London School of Economics / Reader in Demography at the London School of Economics

      1939: Ausbürgerung aus dem Deutschen Reich (Liste 94); Aberkennung der Doktorwürde / loses his German citizenship and doctorate

      1944: Demographic Advisor am Colonial Office / Demographic Advisor to the Colonial Office

      Nov. 1947: verstorben; beerdigt in Great Rollright, Oxfordshire (GB) / death; buried in Great Rollright, Oxfordshire (GB)

      Wichtigste demographische Arbeiten von Robert René Kuczynski / Kuczynski´s Major Contributions to Demography

      1897 Der Zug nach der Stadt. Statistische Studien über Vorgänge der Bevölkerungsbewegung im Deutsche Reiche.
      1900 The Registration Laws in the Colonies of Massachusetts Bay and New Plymouth, in: Quarterly Publications of the American Statistical Association, Jg. 7, Nr. 51.
      1901/02 The Fecundity of the Native and Foreign Born Population in Massachusetts, in: Quarterly Journal of Economics, Bd. 16, Nr. 1 u. Nr. 2.
      1907 Zur Statistik der Fruchtbarkeit, in: Bericht über den XIV Kongress für Hygiene und Demographie, Bd. 3.
      1911 Eheschliessungen, Geburten und Sterbefälle, in: Zahn (Hg.), Die Statistik in Deutschland nach ihrem heutigen Stand. Georg von Mayr bei der Feier seines 70. Geburtstages als Ehrengabe dargebracht.
      1917 [mit Werner Mansfeld] Der Pflichtteil des Reiches. Ein Vorschlag zu praktischer Bevölkerungspolitik.
      1925 Bevölkerung, Eheschliessungen, Geburten und Sterbefälle in Deutschland und Frankreich, in: Finanzpolitische Korrespondenz, Jg. 6, Nr. 1.
      1928 The World´s Population, in: Foreign Affairs, October Issue.
      1928 The Balance of Births and Deaths, Bd. 1: Western and Northern Europe.
      1930 Population Growth and Economic Pressure, in: Annals of the American Academy of Political and Social Science, Bd. 150.
      1930 Birth Registration and Birth Statistics in Canada.
      1930 Births, in: Seligman (Hg.), Encyclopedia of the Social Sciences, Bd. 1.
      1931 The Balance of Births and Deaths, Bd. 2: Southern and Eastern Europe.
      1932 Fertility and Reproduction.
      1935 The Measurement of Population Growth.
      1936 British Demographers` Opinions on Fertility, 1660-1760, in: Hogben (Hg.), Political Arithmetic
      1937 Colonial Population.
      1938 World Population, in: Carr-Saunders u.a. (Hg.), The Population Problem. The Experts and the Public.
      1939 The Cameroons and Togoland.
      1939 ‚Living Space‘ and Population Problems.
      1942 The New Population Statistics (National Institute of Economic and Social Research Occasonial Papers I).
      1945 Demography – Science and Administration, in: Eugenics Review, Jg. 37, Nr. 1.
      1948–53 Demographic Survey of the British Colonial Empire, Bd. 1: Westafrika (Bde. 2 u. 3 posthum).

      Projektinfos

      Titel: Shaping demographies

      Wiss. Bearbeitung:
      Projekt A: Dr. Ursula Ferdinand | Projekt B: Lukas Cladders

      stud. Mitarbeiter: Daniel Romeo

      Leitung: Prof. Dr. Sabine Schleiermacher
      Forschungsschwerpunkt Zeitgeschichte der Medizin

      Laufzeit: 2015 - 2019
      Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

      Kollage (Kopfbild): Museumskunde 1929 (1), S. 24.; Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Kuc7-3-1-46; Robert René Kuczynski, The Balance of Births and Deaths, Bd. 1, New York 1928, S. 39.